"Surfing for life" - alte Surfer vor Kalifornien
San Francisco - Wann ist man zu alt und wer bestimmt überhaupt, dass man
für irgendetwas zu alt ist? Ist man mit 66 Jahren alt oder hält man es da
wie Udo Jürgens, der seinerzeit davon sang, dass mit 66 Jahren das Leben
erst so richtig anfängt?
"Surfing for Life" - Surfen fürs Leben - ist ein
jüngst erschienener Dokumentarfilm, der die Bilder zu diesem Lied liefert.
Peter Cole ist 69, Eve Fletcher 73, Fred van Dyke 70, Woody Brown 88 und
John "Doc" Ball sogar 93 Jahre alt. Was sie alle verbindet ist ihre Liebe
zum Surfen. Sie leben in Kalifornien und auf Hawaii und stürzen sich noch
immer und das im hohen Alter in die Wellen. Am Strand von San Francisco
steht der 70jährige van Dyke, der auf Hawaii lebt und von seinem Werdegang
als Surfer berichtet. Seine Haut braungebrannt, lockere Klamotten auf dem
drahtigen Körper und stets ein verschmitztes Lächeln um die Lippen. Er habe
hier mit dem Surfen begonnen, als er noch nicht mal Schwimmen konnte. Und
seitdem hat es ihn nicht mehr losgelassen. "Die Leute reden von einem
Sport, aber das ist es nicht. Es ist ein Lebensstil. Und wenn man einen
Lebensstil hat, der so befriedigend wie das Surfen ist, dann bleibst du
dabei, dann willst du nichts anderes machen. Du baust dein ganzes Leben
darum herum auf. Du gehst untertags nicht auf Parties, du hast kein Brunch,
nichts passiert außer dem Surfen."
Fred van Dyke war sofort von der Idee
eines Dokumentarfilmes überzeugt, als der Sozialarbeiter und begeisterte
Surfer Roy Earnest und der Filmemacher David L. Brown ihn eines Tages vor
sechs Jahren anriefen. "Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich in
ein Projekt mein Herz und meine Seele einbrachte. Ich habe vor den Kameras
von Sports Illustrated, Life Magazine und allen Surfmagazinen gesurft, aber
die sind kalt, ohne Leben. Ich machte das einfach mal so. Aber "Surfing for
life" ist für mich fast wie eine Therapie, es öffnet mein Herz und meine
Seele." Die beiden Filmproduzenten rannten bei den gealterten Wellenreitern
nur offene Türen ein.
Probleme entstanden hingegen bei der Finanzierung des
Projektes. Die Surfindustrie winkte sofort ab, denn sie wollte nicht, dass
ihre Produkte mit alten Menschen in Verbindung gebracht werden. Und die
organisierten Seniorengruppen fragten nach, ob dieses Projekt ein
schlechter Witz auf Kosten von alten Menschen sei. Doch nach fünf Jahren
Drehzeit, mehreren überzogenen Kreditkarten, angepumpten Freunden und
aufgebrauchten Sparkonten wurde "Surfing for Life" schließlich
fertiggestellt.
Es ist zum einen ein Dokumentarfilm über die Geschichte des
Surfens. Wie es von den wenigen begeisterten Wellenreitern in den 40ern zu
einer wahren Surfkultur mit den "Beach Boys", bepackten Muskeln, öligen
Körpern und tiefen Ausschnitten kam. Doch "Surfing for Life" ist mehr als
das. Es ist auch der Versuch, dem Zuschauer die Angst vor dem Altern zu
nehmen. Drahtige und aktive Körper im hohen Alter. Senioren, die noch immer
ihrem Lebensinhalt nachgehen und die sich nicht von jenem Bild verdrängen
lassen, dass Surfen nur etwas für junge Menschen sei.
Fred van Dyke ist von
seinen 70 Lebensjahren schon 60 Jahre lang ein fanatischer Wellenreiter.
Auch heute noch zieht es ihn regelmäßig ins Meer vor Hawaii. Den Nachwuchs
nimmt er dabei nicht wahr, oder will die fragenden Blicke der jungen Kerle
nicht sehen. Surfen ist für ihn ein Art Therapie, ein Ausgleich, ein
Abschalten. "Um es mal anders zu sagen, es ist wie ein ganz intensiver
Drogenrausch, weil du schwerelos wirst. Und in dem Moment, wo du von
einer10 Meter hohen Welle runterrast, gibt es nichts anderes im Universum
als das Wasser, die Welle, dein Surfbrett, dich und das Universum", erklärt
er mit einem Glitzern in den Augen.
Seit ein paar Jahren schon meidet er
die ganz großen Brecher im Meer. Van Dyke hat für sich einen neuen
Ruhepunkt gefunden - seine Frau. Doch manchmal blickt er aufs Meer und es
zieht ihn wieder hinaus, so als ob die Wellen zu ihm sprächen. "Es ist eine
der gefährlichsten Süchte und es gibt eigentlich keinen Weg, damit
aufzuhören. Ich werde wohl immer weitermachen." Dabei huscht ein leichtes
bübisches Lächeln über sein gebräuntes Gesicht und da begreife ich, was er
am Anfang des Interviews damit meinte, als er sagte, er wolle nie erwachsen
werden.
© Copyright by Arndt Peltner
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